Ein Bericht vom ersten Wochenende einer Seminarreihe für junge Menschen aus Wohngruppen und Pflegefamilien in Sachsen.
Anfang Februar 2026 kamen 12 junge Menschen auf Einladung des Kinder- und Jugendhilferechtsvereins e.V. für ein ganzes Wochenende in Dresden zusammen, um über besondere Themen zu sprechen. 🏡✨ Alle leben in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, verteilt in ganz Sachsen. Alle können aus unterschiedlichen Gründen nicht zuhause leben. Viele gemeinsame Themen verbinden sie – etwa das Aufwachsen in Wohngruppen oder Pflegefamilien, Erfahrungen mit Stigmatisierung, Herausforderungen in der Familie oder Konflikte in der Wohngruppe. Sie eint auch, dass sich alle auf dem Weg in die Selbständigkeit befinden. 🚀 Viele stehen kurz vor dem Auszug, verbunden mit Hoffnungen, aber auch vielen Unsicherheiten.
Die Seminarreihe soll sie auf diesen Prozess vorbereiten. Insgesamt sind drei Wochenenden geplant; das erste stand unter dem Motto „Wer bin ich? Mein Leben mit der Jugendhilfe!“ 💬
Die teilnehmenden jungen Menschen kommen aus unterschiedlichen Städten in Sachsen, sie leben in ganz verschiedenen Einrichtungen, einige kannten sich schon, andere haben sich das erste Mal getroffen. Also starteten wir mit einer Vorstellungsrunde und Kennlern-Spielen in das Wochenende. 🎲 Unser „Codex“, der unser Zusammenleben und den Umgang für die Zeit der Seminarreihe miteinander beschreibt, ist gemeinsam verhandelt worden. 🤝 Dieser wird zukünftig unseren Austausch und unsere weitere Ideenentwicklung begleiten. Außerdem haben wir gemeinsam gesammelt, welche Erwartungen die jungen Menschen an das Wochenende haben, was sie sich wünschen und welche Dinge ihnen vielleicht auch Sorgen bereiten. 💭
Am Samstag starteten wir mit vier Fragen, die die Careleaverinnen im Rahmen eines World-Cafés an vier Tischen in kleinen Gruppen bearbeiteten: Was zeichnet mich aus?; Mein Leben in der Pflegefamilie/Wohngruppe; Wo sehe ich mich in 10 Jahren?; Wie wird in meiner Einrichtung mit den Ehemaligen/Careleaver*innen umgegangen? Schnell kamen die jungen Menschen miteinander ins Gespräch, teilten ihre Geschichten, Erfahrungen und Wünsche für die Zukunft. 🗣️✨ Innerhalb der Kleingruppen gab es mehrere Berichte darüber, dass sie in ihren vorherigen Wohngruppen negative Erfahrungen gemacht haben – zum Beispiel im Zusammenleben, durch Entscheidungen der Fachkräfte oder weil sie sich nicht gehört fühlten. Heute fühlen sich die meisten in ihrer aktuellen Wohngruppe deutlich wohler. Dass dies innerhalb der Kleingruppen spürbar Erleichterung und Aufatmen auslöste, zeigte eindrücklich das Mitgefühl, was die jungen Menschen füreinander haben. ❤️
Im Anschluss kamen alle im Plenum zusammen, um ihre Ergebnisse miteinander zu teilen. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die jungen Menschen, ihre Erfahrungen und Zukunftspläne sind – und gleichzeitig, wie viel sie doch gemeinsam haben, etwa ihr starker Zusammenhalt, ihr gegenseitiges Einfühlungsvermögen oder der Wunsch nach Stabilität und Unabhängigkeit. Es hat sich außerdem gezeigt, dass es in den meisten Einrichtungen üblich ist, ehemalige Mitbewohner*innen zu Festen einzuladen oder dass sie auch einfach mal so zum Quatschen vorbeikommen. Feste Strukturen, in denen Ehemalige wirklich konzeptionell eingebunden werden, scheint es eher nicht zu geben. Die jungen Menschen waren sich jedoch einig, wie wertvoll die Erfahrungen von Ehemaligen für ihr eigenes Aufwachsen und den Übergang sein können – und dass auch Fachkräfte davon profitieren können. 📝
Am Nachmittag haben wir gemeinsam eine Übersicht erstellt: Wer Careleaver*innen sind, was sie brauchen, was sie sich wünschen und was sie alles können. So ist nach und nach eine facettenreiche und aussagekräftige Sammlung entstanden, aus der im Anschluss an das Wochenende eine Übersicht ausgearbeitet wurde (siehe weiter unten).
Danach ging es mit einem Großgruppenspiel weiter. Beim sogenannten „Chaos-Spiel“ traten drei Teams gegeneinander an. 🎉 Jedes Team musste Zahlen finden, die auf dem Gelände des Sonnenhofs verteilt waren, um anschließend verschiedene Rätsel lösen und auf ihrem Spielfeld weiterkommen zu können. Insgesamt gab es insbesondere an den Abendenden die Möglichkeit zum gemeinsamen Spielen – sodass einige Runden Werwolf mit hitzigen Diskussionen entstanden sind. 🐺🔥 Wer nicht spielenwollte, nutzte die Zeit für sich, zum Knüpfen neuer Freundschaften und/oder zum Erkunden des Sonnenhofs.
Am Sonntag ging es dann darum, welche Rechte die jungen Menschen in ihrer Wohngruppe bzw.Pflegefamilie haben. ⚖️ Schnell wurde deutlich, dass viele die eigenen Rechte gar nicht kannten. Bereit am Samstag wurde an den Thementischen von Kollektivstrafen und davon berichtet, dass in ihren Einrichtungen regelmäßig Handys eingezogen oder das Taschengeld gekürzt wurde – etwa, wenn etwas kaputtgegangen war oder gegen Regeln verstoßen wurde. 📱 Auch die Information, dass die Hilfe für junge Volljährige nicht befristet werden darf, war für viele neu. Diese neuen Erkenntnisse lösten bei den Careleaver*innen viele Fragen aus – etwa, warum Fachkräfte die Rechte der jungen Menschen nicht ausreichend kennen bzw. ernst nehmen. Dabei sind sie für ihren Alltag und den Weg in ein selbstbestimmtes Leben doch so entscheidend. 🌟
Die Auswertung des Wochenendes machte noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, dass Careleaver*inne Räume erhalten, in denen sie sich offen austauschen und auch mal einfach mal unter sich sein können. 💬 Viele hatten das Gefühl, die Zeit sei wie im Flug vergangen, und einige hätten am liebsten die Uhr angehalten, um noch länger zu bleiben. ⏳ Manche beschrieben die Gruppe wie ein kleines Zuhause und für einige entstanden schon am Anfang Freundschaften. 🏠❤️
In zwei Wochen wird die Gruppe wieder zusammenkommen. Dann unter dem Titel „Wo will ich hin? Mein Weg in ein selbstbestimmtes Leben!“ 🚀 Welche Themen den jungen Menschen für das kommende Wochenende besonders wichtig sind, haben wir gemeinsam gesammelt.
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Careleaver*innen sind…
erst einmal Menschen. Menschen, die einen Teil ihres Lebens in der stationären Kinder- und Jugendhilfe verbracht haben. Manche stehen kurz vor dem Auszug, andere haben diesen Schritt bereits geschafft. Manchmal haben sie auch noch Kontakt zu ihren vorherigen Betreuer*innen und als Ehemalige der stationären Jugendhilfe können sie oft unterstützen, die sich gerade im Übergang befinden. Viele von ihnen mussten schon früh mit Schicksalsschlägen umgehen und haben häufig mit Vorurteilen und Benachteiligung zu kämpfen. Und doch sind Careleaver*innen vor allem eines: stark. Sie gehen ihren eigenen Weg, oft mit Mut, Ausdauer und der Erfahrung, dass man auch unter schwierigen Bedingungen wachsen kann.
Careleaver*innen brauchen…
ein stabiles soziales Umfeld, das ihnen Sicherheit gibt und ihnen hilft, eine Zukunftsperspektive zu entwickeln. Wichtig sind auch körperliche und psychische Stabilität, ebenso wie Privatsphäre und Rückzugsorte, in denen sie zur Ruhe kommen und sich entfalten können. Ein selbstgewählter Lebensraum ermöglicht es ihnen, ihren eigenen Weg zu gestalten. Besonders bedeutsam dafür sind Betreuer*innen, die ihnen vertrauen, verständnisvoll sind und ihnen wirklich zuhören. Gleichzeitig ist es notwendig, dass auch andere Menschen (z.B. Lehrer*innen) für die Lebenssituation von Careleaver*innen sensibilisiert sind, damit sie Unterstützung erhalten können und Gehör finden.
Careleaver*innen wollen…
gesehen werden – nicht als „Fälle“, sondern als junge Menschen mit Geschichte, Kraft und eigenen Träumen. Sie wollen Akzeptanz, Respekt und echtes Verständnis, gerade in schwierigen Situationen. Sie wünschen sich Freundinnen, Partner*innen und Menschen an ihrer Seite, die ihnen Rückhalt geben. Gleichzeitig fordern sie, was ihnen zusteht: finanzielle, staatliche und rechtliche Unterstützung, die den Übergang ins eigenständige Leben wirklich absichert und das spürbar in ihrem Alltag. Sie brauchen Begleitung beim Übergang, verlässliche Unterstützung überall dort, wo Hürden entstehen, und das Recht, auch einmal frei von überwältigender Verantwortung zu sein, um Schritt für Schritt in
die eigene Unabhängigkeit zu wachsen. Careleaver*innen wollen mitbestimmen! Sie wollen ihre Rechte kennen und erleben, dass diese gewahrt werden. Ihre Stimmen sind nicht leise: sie erinnern uns daran, dass echte Chancengerechtigkeit kein Privileg sein darf, sondern selbstverständlich sein muss.
Careleaver*innen können…
unglaublich stark sein. Viele von ihnen sind früh selbstständig geworden und haben gelernt, Verantwortung zu tragen, Entscheidungen zu treffen und ihren eigenen Weg zu gehen. Sie können nach Hilfe fragen und darin liegt ebenso viel Stärke wie im Durchhalten. Careleaver*innen können empathisch und hilfsbereit sein, kreativ denken und für sich selbst einstehen. Sie dürfen stolz auf das sein, was sie geschafft haben, auch wenn ihre Lebensgeschichten nicht immer leicht waren und sie nicht immer stolz auf ihre Herkunft oder ihre Eltern sein können. Und ja: Careleaver*innen können ebenso „krass“ sein! Sie können wachsen, sich entfalten und Dinge erreichen, die andere vielleicht nie für möglich gehalten hätten. Schritt für Schritt können sie alles schaffen, was sie sich vornehmen.
Unser Dank geht an die jungen Menschen, die gekommen sind und sich geöffnet haben. Es gehört so viel Mut dazu, die eigene Geschichte zu erzählen und sich auf den Weg ins eigene Leben und zu den eigenen Rechten zu machen. 💛
Ein weiterer Dank geht an die Drosos Stiftung, ohne die diese Seminarreihe nicht stattfinden könnte. 🙏
Diese Texte sind in Absprache und mit Einspruchsmöglichkeiten mit den jungen Menschen entstanden.